Wer bin ich, wenn ich online bin…

Wer bin ich wenn ich online bin

Dank dem iPad mini lese ich seit etwa einem Jahr wieder deutlich mehr. Ständig Bücher mitschleppen war auf Dauer zu anstrengend, das Display des iPhone ist zu klein, um komfortabel zu lesen und das iPad 1 war einfach zu schwer, um es immer dabei zu haben. Das iPad mini hat dagegen genau die richtige Größe und ist schön handlich.

Und was liegt näher, als auf so einem Gerät ein Buch zu lesen, in dem es darum geht, wie diese Geräte unsere Hirne verändern? Eben. Ist zwar schon ein paar Tage alt (auf deutsch ist es 2010 erschienen), aber trotzdem lesenswert. Also erst einmal die gute Nachricht: Das menschliche Gehirn ist offenbar extrem anpassungsfähig, das nennt man Neuroplastizität. Die möglicherweise schlechte Nachricht ist aber, dass nicht unbedingt jede Anpassung auch positiv sein muss.

Nicholas Carr beschreibt sehr ausführlich, wie sich das menschliche Gehirn über die Jahre entwickelt hat und wie es sich immer neuen Anforderungen angepasst hat – zum Beispiel dem konzentrierten Lesen langer Texte. Ein schönes Beispiel, denn seiner Meinung nach verlernen wir das gerade wieder dank Internet und Smartphones. Unsere Gehirne werden zu „Informations-Junkies“, die immer schneller immer neue Reize wollen, aber nicht mehr in der Lage sind, sich über einen längeren Zeitraum auf nur eine Sache zu konzentrieren (beispielsweise ein Buch lesen). Unter anderem auch, weil wir unsere Gehirne viel zu sehr damit beschäftigen mit den relativ neuen Medien umzugehen. Man muss einfach mehr denken, um mit einem Rechner im Netz zu surfen, als beim Umblättern eines Buchs. Wir werden abgelenkt: Statt einen Text einfach am Stück zu lesen, werden wir ständig von Links im Text unterbrochen und müssen – selbst wenn es unbewusst geschieht – ständig neu entscheiden: Klicken oder nicht? Ähnliches gilt wohl auch für multimedial aufbereitete Inhalte. Bis zu einem gewissen Grad kann so was den Lernprozess fördern, aber es wird auch schnell zu viel und die vielen multimedialen Inhalte werden statt zu einer Lernhilfe zu einer Ablenkung vom eigentlichen Inhalt.

Da ist sicher was dran, es klingt durchaus logisch was Nicholas Carr da schreibt, es ist nachvollziehbar und er bringt einige Beispiele und Studien, die diese Meinung untermauern (und ganz nebenbei ist es auch noch recht unterhaltsam). Man muss sich ja nur selbst beobachten um zu merken, wie sich die Nutzung unseres Hirns verändert hat. Wie viele Telefonnummern hat man heute noch im Kopf? Ich selbst merke mir keine Telefonnummern mehr. Die einzigen Nummern, die ich auswendig kenne stammen noch aus der Zeit vor den Smartphones. Sogar die Telefonnummer meiner Großeltern kenne ich noch auswendig, obwohl ich die seit Jahren nicht mehr anrufen konnte. Dafür kenne ich höchstens drei Nummern auswendig von Menschen, mit denen ich erst vor wenigen Jahren begonnen habe zu kommunizieren. Mein Hirn hält es einfach nicht mehr für nötig, sich die Nummern zu merken. Wozu auch?

Da haben wir also eine Entwicklung und nach der Lektüre dieses Buches kann sich dann jeder selbst die Frage stellen, ob die man seit einigen Jahren stattfindende Entwicklung unserer Gehirne eher positiv oder eher negativ sieht. Wahrscheinlich von beidem etwas, wir müssen eben schauen, was wir daraus machen.

Natürlich sollte man – im Sinne des Inhalts – dieses Buch auch wirklich als gedrucktes Buch lesen, gibt es zum Beispiel bei Amazon. Es gibt aber auch eine digitale Version des Buches, ich habe meine bei Apple im iBook Store geholt. Obwohl ich eine gedruckte Version des Buches bekommen habe, die – wie auf dem Bild zu sehen – noch originalverpackt da steht. Falls an der Ausgabe jemand Interesse hat: Bitte Kommentar oder Mail schreiben :)

4 Antworten zu “Wer bin ich, wenn ich online bin…”

  1. Sehr schön. Das trifft alles recht genau das, was ich mir in den letzten ein bis zwei Jahren so langsam bewusst gemacht habe: dieses Internet und Technikgedöns tut mir nicht nur gut. Es nimmt mir auch sehr viel. Ich habe daher vor einem Jahr mein iPad verschenkt und es nur in den ersten Wochen vermisst (denn wirklich brauchen tut man’s natürlich nicht, obwohl es mir sehr viel Spaß bereitet hat). Das Smartphone wird wohl als nächstes rausfliegen, auch wenn mir das aufgrund der Kameranutzung sehr viel schwerer fallen wird.

    Ich lese wieder mehr gezielt und konzentrierter. Meine Lebensumstände sind natürlich andere; ich habe selten Zeit in Bus, Bahn oder Flugzeug totzuschlagen und arbeite von zuhause aus und das Netz ist am Rechner nur einen Klick weit weg. Die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen ist schon recht elementar. Die Auswahl zu verknappen hilft da ungemein, aber auch der Zeitfaktor spielt keine unerhebliche Rolle.

    1. Ohne iPad? Nein, das ginge gar nicht mehr :)
      Aber es ist eben auch die Frage, wie man es nutzt: Das Lesen mit dem iPad ist zum Beispiel viel entspannter, wenn man den „Nicht Stören“-Modus aktiviert. Kein Klingeling und Trallala von irgendwelchen Mails, Tweets oder Facebook-Meldungen, die nur wieder Aufmerksamkeit wollen, die sie eigentlich gar nicht verdient haben. Diese fehlende Ablenkung ist übrigens neben dem Display ein weiterer Vorteil eines reinen eBook-Readers.

      Ich denke nicht, dass die Werkzeuge das Problem sind – wichtig ist doch, wie wir sie nutzen. Zum Beispiel längere Texte lese ich online nur noch via Pocket oder die Reader-Ansicht in Safari. Ich habe nichts gegen Werbung (wäre ja schön blöd) und andere Spielereien, aber es ist ohne diese Ablenkungen deutlich leichter auch mal mehr als drei Absätze konzentriert zu lesen.

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