„Sie haben kein Recht, sich hier festzusetzen“

„Sie haben kein Recht, sich hier festzusetzen“

Ich musste einen spontanen Brechreiz unterdrücken, als ich gestern das Interview in der Sächsischen Zeitung mit Professor Winfried Stöcker gelesen hatte. Inzwischen ist die Bezahlmauer vor dem Beitrag gefallen und es kann nun jeder direkt an der Quelle nachlesen, warum mir so schlecht wurde.

Anlass des Interviews war ein im Görlitzer Warenhaus geplantes Konzert zugunsten von Flüchtlingen. Dieses wurde vom Eigentümer – eben jener Professor Winfried Stöcker, der Gründer und Vorsitzende der EUROIMMUN Medizinische Labordiagnostika AG – verboten, nachdem seine Mitarbeiter das schon zugesagt hatten. Warum der Herr Professor das Konzert dort nicht will? Nun, lassen wir ihn selbst zu Wort kommen:

Ich habe die Veranstaltung in meinem Kaufhaus untersagt, weil ich den Missbrauch unseres Asylrechtes nicht unterstützen will.

WTF? Missbrauch des Asylrechts? So was hört man doch sonst nur aus der tiefbraunen Ecke und immerhin ist der gute Mann doch selbst Flüchtling – seine Familie flüchtete lange vor dem Mauerfall aus der DDR in den Westen – und er scheint ja nicht ganz dumm zu sein (ich gehe zumindest mal davon aus, dass er seinen akademischen Grad nicht nachgeschmissen bekam Irrtum meinerseits, siehe Update unten). Kann so jemand wirklich ein dummer Rassist sein? Die Antwort lautet leider: Ja.

Da wären wir wieder bei der traurigen Erkenntnis, dass Intelligenz nicht vor Dummheit schützt. Übrigens lässt der Mann in seinem Interview noch mehr Sprüche ab, die ihn als waschechten Rassisten outen. Beispiele gefällig?

Ihm ist es ein Dorn im Auge, dass „wehrtaugliche“ Syrer mit ihren Familien fliehen, statt sich vom IS abschlachten zu lassen. Und die „reisefreudigen Afrikaner“ sollen doch dafür sorgen, dass der Lebensstandard in „ihrem Afrika“ gehoben wird, statt sich auf eine lebensgefährliche Flucht zu begeben. Es kann doch nicht sein, dass solche Menschen bei uns um Hilfe bitten, da ist der Herr Stöcker knallhart:

Die Menschen müssen sich trotzdem selbst organisieren und sich selbst helfen. Vor zwanzig Jahren haben sich in Ruanda die Neger millionenfach abgeschlachtet. Hätten wir die alle bei uns aufnehmen sollen?

Dabei geht es ihm offensichtlich nicht darum „das christliche Abendland“ vor den „Negern“ und anderen zu schützen, denn mit dem Christentum hat der Herr Professor nichts am Hut. Weihnachten ist für ihn „Firlefanz“. Aber er ist ja auch froh, dass er „die Türken“ hat, die für ihn arbeiten. Da sollen sogar kluge Leute darunter sein, aber auch solche, die einfach nur die Arbeit machen, die andere – deutsche – Mitarbeiter nicht machen wollen. Aber wenn die dann fertig haben mit der Arbeit für ihn, dann sollen sie gefälligst wieder zurück in die Türkei, denn ein Recht sich „hier festzusetzen“ will er ihnen nicht zugestehen. Wäre ja noch schöner.

Halten wir also fest: Der Wirtschaftsflüchtling Professor Winfried Stöcker, der es wohl dank der Flucht aus der DDR in die BRD geschafft hat, ein besseres Leben zu führen, als es ihn in der DDR erwartet hätte, nimmt sich die Freiheit jedem anderen Menschen das Recht abzusprechen alles zu versuchen für sich und seine Familie ein besseres Leben zu haben? Ganz egal aus welchen Gründen jemand flieht, ob es nun politische Verfolgung, Krieg, Terror oder einfach nur Hunger ist, der Herr Professor Winfried Stöcker will solche Leute nicht hier haben. Höchstens als Arbeiter, damit die Drecksarbeit erledigt wird, für die sich deutsche Arbeiter zu schade sind, aber um Gottes willen sollen diese Arbeiter hier nicht anfangen sich ein Leben aufzubauen, zu heiraten (womöglich noch eine Deutsche!!) und Kinder in die Welt zu setzen. Für solcherlei Firlefanz sollen die doch wieder in ihre Heimat zurück gehen.

Man fragt sich, was dieser Herr Stöcker für ein Mensch ist, kann so jemand glücklich sein? Wie ist es eigentlich für seine Mitarbeiter? Wie fühlt es sich an, für einen Rassisten zu arbeiten, der nicht mal versucht seine braune Gesinnung zu verbergen? Man weiß es nicht, ich weiß nur, dass ich – sollte es mich mal nach Görlitz verschlagen – in einem ganz bestimmten Warenhaus sicher niemals einkaufen werde.

Update: Gute und richtige Reaktionen auf die fremdenfeindlichen Äußerungen des Herrn Professor dokumentiert die Sächsische Zeitung. Ich lag falsch mit meiner Vermutung, dass jemand, der Professor ist, ja nicht ganz dumm sein könne, weil man so einen akademischen Titel ja nicht unbedingt nachgeschmissen bekommt. In diesem Fall wurde ihm der Titel offenbar nachgeschmissen:

Stöcker hat 2011 eine Ehrenprofessur an der Lübecker Universität erhalten, dass sollte die Universität lieber schnell ändern.

Ja, das sollte die Uni wirklich ändern. Von einigen wurde inzwischen auch Strafanzeige wegen Volksverhetzung gegen den Mann gestellt – bleibt zu hoffen, dass diese auch Erfolg haben. Und als wären die Äußerungen dieses Mannes nicht schlimm genug, gibt es an verschiedenen Stellen auch noch Kommentarbereiche, in denen sich ein rassistischer Mob in Lobgesängen auf diesen Herren überschlägt. Widerlich. Zumindest kann ich diesem andauernden Brechreiz etwas positives abgewinnen: Die zusätzlichen Weihnachtskilos dürften in diesem Jahr deutlich sparsamer ausfallen…

Beitragsfoto: Aussenansicht des Warenhaus Görlitz, von Manecke, Lizenz: CC-BY-SA 3.0

 

11 Antworten zu “„Sie haben kein Recht, sich hier festzusetzen“”

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