[re:publica] Fazit

Das habe ich gestern auf der Fahrt geschrieben, aber eben offline. Daher eben erst jetzt, also nicht wundern…

Ich sitze im Zug von Berlin nach Mannheim (und von dort geht es dann weiter nach Saarbrücken) und denke so ein wenig über die letzten Tage nach. Die re:publica und vor allem auch das drumrum.
Wenn ich mir überlege, dass ich nicht hingefahren wäre – nein, dann hätte ich wirklich was verpasst. Ja, der offizielle Teil litt doch deutlich an einem gewissen Mangel an Diskurs, stimmt, aber komplett uninteressant war es nicht. Und selbst bei den Panels mal nichts dabei war konnte man das Wetter geniessen und sich mit anderen Teilnehmern unterhakten. Sehr viele Blogger und Podcaster aber auch Journalisten ohne Weblog und andere Interessierte waren da – aber vor allem: es waren Menschen. Menschen, von denen man teilweise vorher Texte gelesen oder gehört hatte. Aber so lange man nur die Texte liest oder hört kennt man einen Menschen noch lange nicht. Man kennt eben nur eine Seite, die dieser Mensch in seinem Weblog oder Podcast zeigt. Und wir haben schnell festgestellt, dass die männlichen Blogger durchweg eitle Fatzkes sind, die nur alte Fotos in ihr Weblog stellen bei deren Aufnahme sie noch jünger und schöner und 5 – 30kg leichter waren (und nein, da nehme ich mich nicht aus g). Die weiblichen Blogger dagegen neigen dazu gar keine oder nur sehr sehr wenige Fotos zu veröffentlichen, was dann auch zu einiger Verwunderung führte: “Wie? Nicht nur dicke, bärtige Männer? So viele Frauen? Und dann sehen die auch noch gut aus? Wie soll man da bitte arbeiten können?” Das erleichterte das Erkennen der Leute natürlich nicht wirklich.

Korrupt erzählte mir, dass er in einem englischen Weblog über die “verrückten deutschen Blogger” gelesen hatte, die sich tatsächlich real und im echten Leben treffen würden statt so einen Kongress in Second Life zu veranstalten. Auch eine Meinung, aber egal mit wem ich mich unterhalten habe: allen waren der Meinung, dass gerade das reale Treffen der Leute, die man teilweise schon seit Jahren liest ohne sie je getroffen zu haben eben eines der Highlights der re:publica war. Mal abgesehen davon, dass ein vom SL-Avatar getrunkenes virtuelles Bier einfach nicht so richtig wirkt ;)

Einige Male habe ich gelesen, dass die re:publica ja nur eine Kuschelveranstaltung einiger selbsternannter A-Blogger gewesen sei, mit dem Anspruch, eine “Leitkultur” für “die Blogosphäre” zu definieren. Tja, kuschelig war es. Ja, wir hatten uns alle ganz doll lieb und es gab keinen Streit, nicht mal wirklich grundlegende Meinungsverschiedenheiten – und das obwohl nun wirklich einige Anwesende in ihren Blogs absolut nicht dazu neigen, sich zu verbiegen, nur um einen Streit zu vermeiden. Es war aber auch nicht nötig, sich dafür zu verbiegen – es ist einfach was anderes, wenn man real miteinander spricht, sich dabei anschaut, sieht wann der Gegenüber lacht, zwinkert oder grinst. Eben Gestik und Mimik beobachten kann, die durch kleine Bildchen in Texten nur unzureichend simuliert werden können. Und es war so kuschelig, dass ich jede Wette eingehe, dass in den kommenden Tagen einige Blogrolls merklich anwachsen werden oder eben in den letzten Tagen schon gewachsen sind.

Und eine Veranstaltung der “selbsternannten A-Blogger” war es auch nicht. Zum einen, weil keinesfalls nur A-Blogger da waren und vor allem, weil man sich zum A-Blogger nicht selbst ernennt. Entweder hat man entsprechend viele Leser und gilt deswegen als “A-Blogger” oder eben nicht. Und es war auch keinesfalls so, dass “die gewöhnlichen Blogger” nur da waren, um eine erlesene Schar “A-Blogger” anzuhimmeln. Starkult konnte ich nur bei René und seinen Groupies ausmachen ;) Klar wurden Witze gemacht (“Na da schau an, die Herrn A-Blogger gehen auch in den Mc, wie gewöhnliche Long-Tail-Blogger”) aber es waren eben Witze. Es war egal ob ich mich mit Johnny, Udo oder einem anderen Blogger aus der ersten Reihe unterhalten habe – zu keinem Zeitpunkt hatte ich den Eindruck oder das Gefühl, dass auf andere als “Nur-B-oder-C-Blogger” herabgesehen wurde. Und mir hat auch niemand gesagt, sich so gefühlt zu haben in einem Gespräch. Und wenn jemand das Gefühl gehabt hat, dann wird es ja wahrscheinlich in den nächsten Tagen in den jeweiligen Weblogs zu lesen sein.

Und der größte Bullshit ist ja wohl die Story von der “Leitkultur” für “die Blogosphäre”. Es gibt nun mal nicht “die Blogosphäre”. Es gibt mehrere Sphären oder Netzwerke. Dirk zeigte das mit einem ganz praktischen Beispiel: in seiner Blogosphäre existiert der Schockwellenreiter gar nicht mehr. Er liest ihn selbst nicht und er taucht praktisch auch nicht mehr in den Weblogs auf, die Dirk liest. Aber unbestritten ist: es gibt den Schockwellenreiter (ja, ich habe ihn gesehen, es gibt ihn wirklich) und es gibt andere Netzwerke in denen dann mein Blog nicht auftaucht oder sogar auch Spreeblick nicht erscheint. Natürlich gibt es immer irgendwelche Verknüpfungen zwischen diesen einzelnen Sphären, aber diese sind eben einfach seltener und nicht so “stabil” wie die Verknüpfungen innerhalb einer solchen Sphäre. Und es wurde in Berlin nicht mal versucht eine Leitkultur für eine einzelne Sphäre zu definieren – es sei denn, man definiert “Bloggt doch was ihr wollt, wie ihr wollt und wann ihr wollt!” als “Leitkultur”. Dann wurde sie definiert und ich denke, man kann dieser Aussage kaum ernsthaft widersprechen ohne sich zum Kasper zu machen. Es sei denn natürlich man würde eben gerne selber eigene Regeln für die Blogosphäre festlegen – in dem Fall muss man natürlich widersprechen und den bösen A-Bloggern vorwerfen, sie würden die Blogosphäre kontrollieren und bevormunden wollen.

Übrigens habe ich es auch nicht erlebt, dass sich A-Blogger als Vorbilder oder gar Sprachrohre der Blogosphäre aufgespielt hätten. Keiner stellte sich hin und sagte “wir Blogger sind so und so” oder “wir Blogger müssen das und jenes tun”. Würde ja auch nicht zur oben erwähnten “Leitkultur” passen. Vielleicht stört es einige einfach, dass immer mehr dieses ganze Blogdings eher sehr nüchtern sehen: Weblogs sind Werkzeuge, eine Möglichkeit zu publizieren – keine Religion oder Weltanschauung. Klingt bedeutungslos? Vielleicht – aber auch der Buchdruck war keine Religion und Fernsehen mag für einige sehr wichtig in ihrem Leben sein – eine Weltanschauung ist es nicht. Und trotzdem treffen sich auch Verleger, Fernseh- oder Radiomacher zu Kongressen oder treffen sich auch mal im kleineren Rahmen – so was geht auch ganz ohne die in den Bereichen Tätigen gleich zu einer Glaubensgemeinschaft zu erklären. So vielfältig wie Zeitungen und Zeitschriften sein können, so vielfältig sind eben auch Weblogs. Diese Vielfalt gibt es inhaltlich und auch bei der Art wie man bloggt. Bei aller Bedeutung, die die neuen Möglichkeiten durch das einfache Publizieren im Netz hat – es muss trotzdem jeder für sich entscheiden, was und wie er publizieren möchte. Und wenn manche Leute meinen in Zukunft schwarze Listen mit “Blognutten” führen zu müssen – dann macht halt. Ist Euer gutes Recht. Wer meint, dass Werbung (in Weblogs oder grundsätzlich) böse und schlecht sei, dann soll erhalt im eigenen Weblog auf Werbung verzichten und einen AdBlocker nutzen oder nur noch werbefreie Weblogs lesen. Und wer meint, dass Tagebuch- oder Katzenblogger einfach unbedeutend wären, der soll sie halt nicht lesen. Das ist ein freies Land (noch) und jeder kann Weblogs schreiben und lesen, wie er will. Egal von wem und egal in welchem Bereich – ist es denn wirklich nötig ständig neue Regeln zu schaffen? Haben wir nicht genug Regeln? Alleine schon genug Gesetze, die uns einen Rahmen setzen, wenn wir anfangen zu Publizieren.

Um es kurz zu machen: hätten diejenigen, die die re:publica kritisieren ohne da gewesen zu sein einfach mal ihren Arsch hoch und vor Ort im RL die Fresse aufbekommen, dann hätten sie nicht nur gemerkt, dass vieles, was sie gerade kritisieren gar nicht so statt gefunden hat, wie sie es glauben und es hätte auch deutlich mehr inhaltliche Auseinandersetzung um verschiedene Positionen gegeben. Aber wahrscheinlich hatten sie ja nur Angst auch zu Kuschelbloggern zu werden, immerhin hat sogar korrupt eine gewisse Ansteckungsgefahr bejaht.

Aber mal zum Drumrum: mal mit Miss Sophie, Missi, Björn, korrupt, Princo und René ein bisschen Zeit in Berliner Kneipen und an einer Frittenbude zu verbringen war grandios. Leider hat es mit dem Treffen mit der Angebär.in nicht mehr geklappt, aber das holen wir noch nach (sieh es als Drohung oder Versprechen, ganz wie Du willst). Und auch mit den vielen, vielen anderen in der Kalkscheune oder im bzw. vor dem newthinking Store Gedanken auszutauschen und einige etliche Biere zu trinken war anregend, spannend, interessant und auch spassig. Ja, wir haben gefeiert. Haben wir uns gefeiert? Sicher auch – aber vor allem miteinander. Und Feiern ist gut. Hilft ja niemandem, wenn nicht mehr gefeiert würde und würde auch die Welt kein Stück verbessern, im Gegenteil.

So, das war es jetzt mal – jetzt muss ich noch meine Blogroll erweitern… :)

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5 Antworten zu “[re:publica] Fazit”

  1. Wie ich schonmal erwähnt hatte – leider habe ich die Zeit (und Kraft) nicht gefunden, mich mal blicken zu lassen.
    Ich hätte gerne mal meinen Senf zu manchen Themen dazugegeben (als jemand, der grundsätzlich NIE ja und amen sagt) und auch mal gesehen, wer sich denn so hinter gewissen Domain-Namen versteckt.
    Sollte das ganze irgendwann nochmal wiederholt werden, findet es hoffentlich am WE statt, damit auch Leute mit sehr angespanntem Berufsleben teilnehmen können.

  2. ein dankeschön mit knicks für dieses feine resümee. am treffendsten finde ich: “Haben wir uns gefeiert? Sicher auch – aber vor allem miteinander.” denn es ist genau das, was sonst im virtuellen raum fehlt. dafür finden hier wieder mehr diskussionen statt. vielleicht ist dies auch einfach ein natürlich-virtuelles gleichgewicht? auf der anderen seite wissen nun bestimmt sehr viele leute, was nächstes jahr anders werden kann/muss/soll und allein für solche erkenntnisse hat es sich schon gelohnt.

  3. @Sven: wirklich schade… aber wir hoffen auf re:publica’08

    @anne: bitte smile Und ja es hat sich gelohnt – schon alleine die ganzen hübschen Bloggerinnen und das immer bessere Wetter… *g*

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