Notruf 2.0 als Quatsch7

Emergency Call[CC-Lizenz via Flickr]

Frau von der Leyen verausgabte bisher ihre Internetkompetenzen bei dem Versuch, die Provider zur freiwilligen Sperrung von Webseiten mit kinderpornographischen Inhalten zu bewegen. Was letztlich ebenso sinnvoll wäre wie der Versuch, Frauenhandel bekämpfen zu wollen, indem man die Straßenmeistereien dazu anhält, jene Straßen zu sperren an denen Prostitution in irgend einer Form angeboten wird.

Nach dem Amoklauf von Winnenden bewies Frau von der Leyen erneut ihren Mut zum Verbalaktionismus und forderte “etwas wie den Notruf 110 für das Netz”. Der Sinn einer solche Forderung scheint sich darin zu erschöpfen, eine “Kultur des Hinsehens” zu befördern. Dem wäre allerdings mit einer entsprechenden Thematisierung in der Öffentlichkeit besser gedient als durch den “Vorschlag” an sich.

Der Bund Deutscher Kriminalbeamte schließt sich jetzt diesen Forderungen an und fordert ebenfalls einen Internet-Notruf. Damit zeigt man aber vor allem, dass der eigene Blick auf die Sache, ebenso wie bei unserer Familienministerin, von keinerlei Kompetenz getrübt ist. Die entsprechende Pressemitteilung strotzt auch gleich vor unsinnigen und vagen Aussagen:

Jugendliche wie auch Erwachsene die in den sogenannten “social networks” des Internets unterwegs sind, benötigen einen „110-Button“, der gedrückt werden kann, wenn man eine Beobachtung weitergeben will. Dies kann ein Hinweis auf eine Straftat sein, das Erkennen von Diebesgut, eine Suizidankündigung, eine Beleidigung oder die Ankündigung eines „school shootings“.

Allein durch die genannten Anwendungsbeispiele wird klar, dass der Begriff des “social networks” auf jeden Dienst im Internet, bei dem Menschen miteinander in Kontakt treten können, Anwendung findet. Es wäre einfacher gewesen, schlicht vom Internet in seiner Gesamtheit zu sprechen; denn nichts anderes ist gemeint.
Die gemachten Aussagen sind dabei derart vage, die Zielsetzung derart diffus, dass man mit sie bereits durch eine Übertragung auf das reale Leben zur einer Parodie macht.

Menschen aller Altersstufen, die in so genannten “sozialen Räumen” der Öffentlichkeit unterwegs sind, benötigen allerorten einen “Alarm-Knopf”, der gedrückt werden kann, wenn man eine Warnung weitergeben will. Dies kann ein Hinweis auf Schwarzarbeit, ein Verdacht bei herumlungernden Gestalten, Geschwätz von schwer deprimierten Mitmenschen, üble Nachrede in der Nachbarschaft oder politische Agitation inklusive verbaler Mordgelüste von Unzufriedenen sein.

Es wird relativ schnell klar, wie oft diese Dinge jedem von uns überall begegnen. Würden wir allein jedes mal, wenn uns der Verdacht auf Schwarzarbeit begegnet die Polizei verständigen, würde die Personaldecke unserer Ordnungshüter rasend schnell an ihre Grenze stoßen. Falschmeldungen und Fehlalarme gar nicht eingerechnet.

Aber damit erschöpft sich der Unsinn keineswegs:

„So als würde man einen Notrufknopf im Fahrstuhl drücken, der eine Benachrichtigung und sofortige Hilfeleistung auslöst“, beschreibt der BDK-Vorsitzende Klaus Jansen die erforderliche einfache Handhabung dieser Notrufmöglichkeit im Internet.

Was im echten Leben schon mit nach oben offenen Wartezeiten verbunden ist, soll hier also dank der Technik sofort funktionieren. Welche Technik sollte dazu in der Lage sein, differenziert oder allgemeingültig auf einen Notruf zu reagieren? Denn der Ablauf müsste automatisiert werden, will man nicht die Verzögerung in kauf nehmen, die zwangsläufig mit reagierenden Menschen ins Spiel kommt. Wir warten ja auch auf die Feuerwehr, sogar wenn es brennt. Was hier also gefordert wird, ist im Grunde also nichts anderes, als eine Sprinkleranlage für jeglichen öffentlichen Raum!

„Vom Screenshot der mitgeteilten Website im Internet, der Weitergabe der Information an einen Seelsorger bis zur Polizei-, Feuerwehr- oder Arztalarmierung könnte die Bandbreite der auszulösenden Maßnahmen sein“, legt der BDK-Vorsitzende Klaus Jansen Wert auf eine Sofortreaktion auf Gefährdungsmitteilungen aus dem Internet.

Also ein Notruf-Knopf mit Fotofunktion. Hoffentlich nicht ein Screenshot wie im Fall des Amoklaufes von Winnenden. Das geforderte bleibt insgesamt so unkonkret, dass mir allein nach kurzem Nachdenken dutzende Fragen dazu einfallen, die letztlich die Praktikabilität in Frage stellen:

  1. Welchen Funktionsumpfang muss ein Notruf-Knopf haben um einer zu sein?
  2. Wer entwickelt die Standards zum Beispiel beim Layout für sowas ? Oder bleibt das unstandardisiert? Wie erkennt man ihn dann zweifelsfrei um nicht zufällig den falschen Knopf zu drücken?
  3. Ist das Einbinden eines Internetnotrufes in seine Seite für den Dienstanbieter verpflichtend oder optional? Sollte es optional sein, würden wohl aus wirtschaftlichen Gründen kaum genügend Anbieter sowas einbauen. Geschweige denn, dass von offizieller Seite keiner genügend Grund hätte, entsprechende Strukturen zur Annahme des Notrufes zu schaffen oder zu unterhalten.
  4. Ist die Kommunikation gegenläufig oder stellt sie eine Einweg-Meldung dar? Der klassische Notruf stellt eine zwei-Wege Kommunikation dar. Das ist auch sein großer Vorteil. Wie soll eine solche Lösung für einen Internetnotruf aussehen?
  5. Welche Voraussetzungen sind grundsätzlich für die Funktionen des Alarmknopfes notwendig? Allein die erwähnte Screenshot-Funktion, setzt eine entsprechende Umsetzung innerhalb des Anbieterdienstes voraus, um hinreichend manipulationssicher zu sein. Nur so kann auch eine entsprechende Zugangsbeschränkung (evtl. geschützter Mitgliederbereich, oder nicht öffentlicher Privatchat) umgangen, oder die Identifizierung der Teilnehmer gewährleistet werden.
  6. Was ist denn generell überhaupt “hinreichend”, in Anbetracht der Masse an Anbietern, die das umsetzen müssten?
  7. Wie wird ein Alarm verarbeitet? Automatisiert oder wird er manuell bearbeitet?
  8. Im Falle einer automatisierten oder halb automatisierten Bearbeitung, welche Technik leistet sowas? Mir fällt keine ein, außer Brain 1.0 mit entsprechenden Schnittstellen am Besitzer desselben, was aber eben gewisse Kommunikations- und Reaktionszeiten mit sich bringt. Insbesondere wenn ja zwangsläufig mehrere Personen bei der Barbeitung des Notrufs beteiligt sind.
  9. Welche Stelle nimmt die Anfrage entgegen?
  10. Wie sieht die Personalstärke für eine oder mehrere derartige Stellen aus? Es muss ja ein 24 Stunden Dienst mit qualifizierten (netztauglichen und zumindest zweisprachigen) Mitarbeitern gewährleistet werden. Im Moment haben wir in den meisten Bundesländern ja nicht mal genug Polizeibeamte/innen, Lehrer/innen, Kindergärtner/innen, Pfleger/innen etc…
  11. Wie hoch wird wohl die Quote von Falschmeldungen oder Fehlalarmen bei einem “Button” sein? Wer arbeitet diese ab und sortiert die Echten aus? Wer allein schon einmal einen einzigen Tag im letzten Not-Not-Dienst eines Webseitenbetreibers oder Technikanbieters verbracht hat, ahnt vielleicht wieviel Standgut dort noch aufläuft. Dabei ist dem meist noch 2 Stufen an Supportmitarbeitern für den täglichen Kleinkram vorgeschaltet. Personen die dann nur Zufällig dort gelandet sind oder weil sie nicht wissen, was sie tun; und wie schwer es dann fallen kann, den gänzlich Merkbefreiten unter Ihnen eine zwei-Tasten Maus, den Begriff Desktop oder die Webseite zu erklären. Geschweige denn beizubringen, dass sie hier grade den völlig falschen Mond anheulen.
  12. Stellt ein Fehlalarm eine Straftat dar, wie beim echten Notruf?
  13. Wie werden die entsprechend Beteiligten identifiziert, insbesondere da eine zeitnahe Reaktion das Ziel darstellt? Für die entsprechende Identifizierung ist dabei schon so viel nötig, dass die Vorratsdatenspeicherung dagegen wie Kinderquatsch aussieht, da die Reaktion ja möglichst sofort erfolgen soll.
  14. Da offenbar beim Anbieter ganze Datenberge über die Identität der Nutzer anfallen werden, nur um die korrekte Funktion des Notrufes zu ermöglichen, wer überwacht den Datenschutz, Speicherzeiten und Verwendungszweck?
  15. Welche Technik wird beim Alarmknopf eingesetzt und wie kompatibel kann sie sein? Mir fallen nach einigen Sekunden des Nachdenkens, dutzende verschiedener Programmiersprachen und Serversoftware ein, die im Internet in verschiedenster Kombination zum Einsatz kommen und die im Endergebnis schlicht eine Webseite zur Darstellung in einem Browser liefern. Einige kann man sogar nachträglich abschalten. Von der Masse der auf dieser Webseite angebotenen Dienste ganz zu schweigen. Eine stink-normales “Soziales Netzwerk” – das sagen wir der entsprechenden Stadtjugend das Flirten und Verabreden oder die Lokalisierung der nächsten Party ermöglicht – hat ja meistens schon Chat, Privatnachrichten, Forum, Bildkommentare etcpp. Eventuell sind noch Twitter oder Instant Messaging eingebunden. In welcher Technik soll der Alarm-Knopf also umgesetzt sein und mit welchen Techniken muss sie zusammenarbeiten um das alles abzudecken?
  16. Wer kontrolliert die korrekte Funktion und wie sieht es mit der Sicherheit/Manipulierbarkeit von sowas aus? Es muss ja beim jeweiligen Anbieter umgesetzt werden (s.o.)
  17. Wer übernimmt denn die Schirmherrschaft bei der Umsetzung, oder die Kosten für die Einrichtung der Dienstellen? Der Bund? Die Polizei ist normalerweise Aufgabe der Länder. Allein der Punkt treibt mir vor Lachen die Tränen in die Augen, ebenso wie den Angstschweiss aus den Poren; wenn ich daran denke, wie viele Querelen zwischen Bund und Ländern wir jetzt schon haben.
  18. Wie sieht es dann mit dem obigen Fragenkatalog, bezogen auf einen Anbieter im Ausland aus? Erinnern wir uns. Im Falle des Amoklaufes von Winnenden, ging das Gerücht, die Tatankündigung sei bei einem ausländischen Dienstanbieter erfolgt. Was also, wenn jemand in einem deutschsprachigen Forum, Chat etc. eines ausländischen Anbieters einen Alarm auslösen will?

Die Notrufmöglichkeiten in Deutschland bestehen aus gewachsenen Strukturen die letztlich vernetzt wurden. Sie basieren in Ihrer Funktion viel eher auf der Struktur als auf der Vernetzung.
Das Internet besteht aus einem gewachsenen globalen Netz in dem sich Strukturen gebildet haben. Die Funktion besteht aus der Vernetzung selbst.

Bis das sinnvoll zusammengefügt werden kann, ist mehr als Verbalaktionismus vonnöten. Das bleibt derart fragwürdig, unpraktikabel und dabei inhaltslos, dass man eigentlich laut los lachen möchte. Allein das Förder von Medienkompetenz, das Einstellen von entsprechend erfahrenen Polizisten die sich im Netz zurecht finden und die “manuelle” Anbindung an die bereits existieren Notrufmöglichkeiten und Strukturen, würde uns sehr viel weiter helfen, als derartige Augenwischerei. Letztere ist allerdings Kostenneutral.

Bereits bei der Forderung nach dem “Notruf-Beweisfoto” bekomme ich nach den Querelen um krautchan direkt Wolle auf die Zähne. Ich kann mir schon gut vorstellen, wie ein solcher Screenshot später aussehen könnte:

Bund Deutscher Phrasendrescher Screenshot

1 Antwort zu “Notruf 2.0 als Quatsch7”

  1. Es ist recht einfach, sich über diese Notrufangelegenheit im Netz lustig zu machen und Interessen zu unterstellen, die mit der Sache nichts zu tun haben. Damit magst Du recht haben, allerdings ist mir nicht ganz klar, wie Du die Sache grundsätzlich siehst. Im www gibt es auch Fragwürdiges. Wie möchtest du damit umgehen? Gar nicht?

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