Eigentlich könnte es so einfach sein: Lookismus ist doof. Da muss man kein „Betroffenheitswissenschaftler“ sein, wenn man nur ein wenig darüber nachdenkt, dann merkt man es einfach. Aber selbst wenn einem das klar ist, so ganz sicher ist man selbst nie davor, Menschen rein nach ihrem Äußeren zu beurteilen. Jeder denkt sich manchmal bei einem anderen Menschen, dass er oder sie doch aussehen würde, wie man sich eben einen Vertreter eines bestimmten Typs Mensch vorstellt.

Es ist natürlich ein Unterschied, ob man so was denkt und trotzdem versucht vorurteilsfrei mit so einem Menschen umzugehen oder ob man seine ganzen, auf dem Äußeren basierenden Vorurteile einfach mal raus lässt. Oder gleich einen Gang höher schaltet und mit Beleidigungen anfängt oder gar Menschen wegen ihres Äußeren tätlich angreift. Bei letzterem sind wir uns alle einig – soweit wir halbwegs klar denkende Menschen sind.

Aber warum sollte man sich nicht über einen fetten Nazi lustig machen? Natürlich ist auch ein Nazi ein Mensch und muss daher erst einmal als ein solcher behandelt werden. Stimmt, aber wenn wir uns mal kurz anschauen, was wichtiger Bestandteil der Ideologie der Nazis ist, dann kommen mir zumindest Zweifel, ob hier ein kategorisches Nein zu Lookismus wirklich angebracht ist.

Themar(301)

Da finde ich die Argumentation von Stefan Laurin durchaus stimmig, wenn er die Frage beantwortet, ob man sich öffentlich über den fetten Nazi von Themar lustig machen darf:

Ich meine, ja. Und das, weil er nicht der Norm entspricht, die seine Gesinnungsgenossen verbreiten. Hitler sagte 1935 in Nürnberg: „In unseren Augen muss der deutsche Junge der Zukunft schlank und rank sein, flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl.“ Und so sehen sich die Nazis bis heute gerne: als Elite. Aufzuzeigen, dass sie ihren eigenen Ansprüchen, mit denen sie ja um Nachwuchs werben, nicht genügen, ist eine Störung ihrer Propaganda: Dass Nazis gar nicht so selten fette,  faule Junkies und Kinderschänder sind, ist ihnen unangenehmer als sie als Rassisten und Nationalsozialisten zu beschimpfen, denn beides finden sie ja gut.

Bei einer harten Truppe mitzumachen, die alle Tabus bricht, ist für Jugendliche attraktiv – sich einem Rudel Versager anzuschließen, die bei der Tafel um Lebensmittel betteln müssen, ist es nicht.

Stefan Laurin

Es kommt tatsächlich recht häufig vor, dass ich anderer Meinung bin wie Stefan (ich empfinde zum Beispiel im zitierten Beitrag das Gerede von „Betroffenheitswissenschaften“ und „Berufsbetroffenen“ ziemlich daneben), aber diese Argumente kann ich verstehen und ich neige dazu, mich dieser Argumentation anzuschließen.

Es ist einfach ein enormer Unterschied, ob man sich über einen dicken Menschen lustig macht, einfach, weil er dick ist oder ob man sich über einen dicken Nazi lustig macht. Immerhin gehört die Beurteilung von Menschen nach ihrem Äußeren zur Ideologie der Nazis, ob es nun die Hautfarbe oder die Form der Nase ist. Und ebenso gehört zur Ideologie des Nationalsozialismus eine Vorstellung des idealen Menschen, von denen die meisten der heutigen Hitler-Fans weiter kaum entfernt sein könnten. Egal ob am ganzen Körper oder sogar im Gesicht tätowiert oder eben wie der fette Nazi von Themar der vollkommene Gegensatz zum Idealbild deutscher Jungen. Warum sollten sich diese Gestalten nicht daran messen lassen, was ihre eigene Ideologie vorgibt? Sagen wir es doch, wie es ist: Wenn man sich die Fotos der Veranstaltung anschaut, dann wäre doch locker die Hälfte  der Konzertbesucher im Dritten Reich in Lagern gelandet, mit einem schwarzen Winkel auf den Klamotten.

Bleibt noch das Argument, dass „wir“ doch besser sein müssten als „die“. Müssen wir uns also wirklich auf das Niveau von Nazis herablassen und anfangen, Menschen nach Äußerlichkeiten beurteilen, nur weil sie eben Nazis sind? Auch ein Nazi kann nichts dafür, dass er vielleicht hässlich ist. Möglicherweise kann der fette Nazi von Themar auch nichts dafür, dass er so übergewichtig ist. Stimmt. Aber er kann verdammt noch mal was dafür, dass er ein Nazi ist! Das war seine freie Entscheidung und da muss er sich auch an den Idealen messen lassen, die zu der von ihm gewählten Ideologie gehören. Und wenn mich das in dem Punkt zu einem schlechteren Menschen macht, dann ist das eben so. Niemand ist perfekt, ich kann damit leben.

Und was mir die ganze Zeit auf der Zunge liegt: Nein, man kann Nationalstolz möglicherweise nicht brechen, angeblich aber vor Stolz platzen!

Artikelbild von Pezibear via Pixabay, Lizenz: CC0 – und es zeigt einen anderen Männerbauch, nicht den des angesprochenen dicken Nazis.