Ist das Internet kaputt?

Ist das Internet kaputt?

Wir wissen, dass Facebook kaputt ist, nicht nur kleinere Bands haben oft Schwierigkeiten im Netz Reichweite zu bekommen, obwohl es doch mal danach aussah, als würde das Internet alles auf den Kopf stellen. Weg mit den Gatekeepern, die zwischen dem stehen, der etwas anzubieten hat und seinen potentiellen Kunden, Fans und Mitstreitern. Aber irgendwie ging die Entwicklung in den letzten Jahren – zumindest in der Masse – in eine andere Richtung. Statt des großen und freien Netzes, in dem jeder ein gleichberechtigter Sender ist, haben sich neue Gatekeeper gebildet. Oder nein, sie haben sich nicht einfach so gebildet, wir haben sie erschaffen. Und es ist natürlich viel einfacher eine große Zahl von Menschen zu überwachen und zu kontrollieren, wenn sie alle ihre Daten an wenigen Knotenpunkt im Netz speichern und austauschen.

So kommt eines zum anderen und irgendwie hat der Faden verdammt viele Enden, die so langsam zusammen kommen. Egal ob es um die Überwachung geht, um die Netzneutralität (zu diesem Beitrag, der mich nicht anprangert habe ich auch noch so einige spezielle Gedanken, die ich an anderer Stelle noch aufschreiben werde) oder eben um die Schaffung von Reichweite an den neuen Gatekeepern vorbei: Wir sind selber schuld, weil wir zu faul geworden sind! Oder will das jemand ernsthaft bestreiten?

Ein eigener Mailserver? Ach nö, Google Apps ist doch viel bequemer…
Das Blog selbst hosten? Das macht doch WordPress.com für mich!
Eine eigene Website? Zu viel Arbeit, $sozialesNetzwerk reicht doch.
Den Feedreader habe ich abgeschafft, ich bekomme doch alle News über $sozialesNetzwerk geliefert.
Ein eigens Forum für $Projekt aufsetzen? Das dauert doch mindestens eine halbe Stunde, eine Facebook-Gruppe ist in zwei Minuten fertig.
Oh guck, mein $Smartphone von $Hersteller speichert und synchronisiert alle Daten ganz automatisch auf den Servern von $Hersteller.

Das sind nur so einige Beispiele, wie wir es aus Bequemlichkeit zugelassen haben, dass wir immer umfassender überwacht werden und zum anderen auch Gatekeeper erschaffen haben, die es im Netz eigentlich nicht bräuchte. Keine Frage, es gibt immer noch Alternativen, aber diese Alternativen machen Arbeit, sind nicht so bequem, kosten vielleicht etwas Zeit oder sehen einfach nicht so hübsch aus. Und ja, ich nehme mich da gar nicht aus, ich neige auch zu einer gewissen Faulheit.

Ein Beispiel ist mein Weblog: Über die Jahre ist da etwas gewachsen mit dem ich einfach nicht mehr so recht zufrieden war. Durch die immer mal wechselnde Softwaregrundlage, noch häufiger wechselnde Themes, Im- und Exportieren der Einträge, die Konvertierung von Kategorien in Tags in Kategorien in Tags und alles wurde daraus so ein komisches Ding. Man kennt die Fehler und Macken des Systems, man kann damit umgehen, aber irgendwie nervt es nur noch und man hat auch nicht mehr wirklich Lust da rein zu investieren, aber es ist eben bequemer einfach mal nichts weiter zu tun. Das führte dazu, dass ich kaum noch gebloggt, sondern lieber Links über diverse Netzwerke verteilt habe. Und deswegen vor allem der recht radikale Schnitt hier im Weblog: Weg mit dem alten Ding und den Altlasten, was neues anfangen und schon ist auch wieder die Motivation da, zu schreiben. Aber erst einmal musste ich den Arsch hochbekommen und das einfach mal machen. Am Ende war es dann auch gar nicht so viel Arbeit und so ohne den ganzen alten Schrott macht es auch wieder mehr Spaß meine Gedanken hier rein zu kippen und auch mal ein paar mehr Worte zu einem Link zu verlieren :)

Ähnlich sieht es bei vielen Diensten aus, die man täglich nutzt. Bei Thema Gatekeeper fällt mir da spontan natürlich Google ein: Wer etwas im Internet sucht, der greift fast immer zu Google. Warum? Weil es alle tun, weil Google in den meisten Browsern Default ist und irgendwie auch, weil Google immer noch den Ruf hat, die beste Suchmaschine anzubieten. Ist das noch so? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Die Zahl der Alternativen scheint ja auch eher überschaubar. Wenn man aber mal ein wenig sucht, dann findet man schnell ein paar Alternativen. Nur mal diejenigen, die ich zumindest gelegentlich nutze: Bing (okay, man kann darüber streiten ob das so ein Teufel/Beelzebub Ding wäre), DuckDuckGo, YaCy (etwas aufwendiger, aber spannend) oder MetaGer. Bing ist als Alternative in Safari direkt wählbar, für DuckDuckGo gibt es ein Safari-PlugIn und bei den beiden anderen fällt halt das Suchen aus der Adresszeile weg. Ich könnte natürlich noch den Browser wechseln…

Da gäbe es dann noch reichlich Dienste, bei denen es verschiedene Alternativen gibt, man müsste nur den mehrfach erwähnten Arsch hoch bekommen und sie einsetzen. Warum nutzen zum Beispiel immer noch so viel WhatsApp, trotz der bekannten Sicherheitsprobleme? Weil es alle nutzen. Es werden aber erst dann nicht mehr alle nutzen, wenn eine genügend große Zahl an Nutzern einem Dienst den Rücken kehrt und auf Alternativen setzt. Und wo ich gerade bei WhatsApp war: Wird jetzt gelöscht!

WhatsApp

So, erledigt. Wer mich erreichen will, der kann mir ja eine SMS oder eine Nachricht über einen anderen Messenger schicken oder gar eine Mail. Oder sogar anrufen, wenn es denn eilt. Eine Erfahrung, die ich auch mit Facebook gemacht habe: Wenn man über irgendeinen Weg erreichbar ist, dann wird der Weg genutzt, da kann man sich auf den Kopf stellen. Es kamen immer wieder Nachrichten via Facebook rein, die eigentlich in eine Mail oder einen Anruf gehört hätten. Anscheinend wurde davon ausgegangen, dass ich das schon sofort mitbekommen würde, wenn eine Facebook-Nachricht eingeht. Stimmte oft, aber eben nicht immer. Aber es war bequem: Bei Facebook war man eh gerade, also warum nicht einfach schnell die Nachricht hier tippen statt extra eine Mail aufzumachen. Und da konnte ich noch so oft sagen, dass doch eine Mail oder ein Anruf in so einem Fall besser geeignet wäre – erst nachdem mein Facebook-Profil weg war hat das geklappt (in dem Fall ging es ja nicht mehr anders).

Klar, nicht jeder kann sich einen eigenen Server oder auch nur Webspace leisten, da greift man dann doch zu irgendeinem bekannten Anbieter. Kann ich verstehen. Aber das jemand wie ich sich seit Jahren davor drückt einen eigenen Groupware-Server zu betreiben (was ich für verschiedene Kunden ja mache!) kann ich nicht verstehen. Aber auch das wird geändert. Klar, es macht etwas Arbeit, kostet sogar ein paar Euro mehr als Google Apps, dafür habe ich dann aber mehr Kontrolle (ich will nicht behaupten, dass ich die volle Kontrolle hätte, dazu müsste ich dann wirklich die Sourcen der verwendeten Software selbst kontrollieren – das wäre dann aber nicht nur arg paranoid, dafür dürfte auch meine Restlebenszeit nicht ganz ausreichen) und nehme Google wieder ein kleines Stückchen seiner Macht und bereite der NSA und anderen etwas mehr Aufwand dabei an meine Mails zu kommen.

Wie gesagt: Diese Möglichkeiten hat nicht jeder, ob das nun finanzielle Gründe hat oder man einfach zu wenig Ahnung von der Technik hat, aber jeder hat irgendwelche Möglichkeiten das Internet wieder ein Stück dezentraler zu machen. Es muss ja nicht immer gleich der ganz große Wurf sein, gleich eine eigener Cloud-Server mit kompletter Verschlüsselung und allem. Einfach mal klein anfangen, zum Beispiel WhatsApp löschen, mal eine Weile auf Facebook verzichten oder eine andere Suchmaschine verwenden. Wenn man gemerkt hat, dass das nicht weh getan hat und man sich daran gewöhnt hat, dann geht es an den nächsten Schritt.

Ist jetzt echt etwas länger geworden der Text, war gar nicht so geplant ;)

[su_box title=”tl;dr” style=”soft”]Dobschat schreibt darüber, wie sehr unsere Faulheit es Unternehmen und Geheimdiensten ermöglicht uns zu kontrollieren und zu überwachen. Vorschlag: Alle zusammen und jeder für sich sollte Schritt für Schritt das Internet wieder dezentraler machen. Tut gar nicht weh (nicht sehr).[/su_box]

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15 Antworten zu “Ist das Internet kaputt?”

  1. Sehr gute Anregung.
    Ich selbst fahre sehr gut mit selbstgehostetem VPN, owncloud und Mailserver. Der Mailserver war definitiv das größte Stück Arbeit! ;)

    Für welche Groupwarelösug hast du dich denn entschieden?

    1. Zimbra + eJabberd, habe ich inzwischen mehrfach installiert, funktioniert gut und mit allen Client-Systemen. Aber halt die kostenpflichtige Version, um ActiveSync zu haben, ist einfach die bequemste Lösung für Smartphones. Aber dafür ist mit der Lösung sowohl Google Apps als auch Apples iCloud Vergangenheit :)

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