Diese Karte von Schlesien hing immer, zumindest so lange ich denken kann, bei meiner Großtante in der Wohnung und zuletzt in ihrem Zimmer im Pflegeheim. Auch wenn sie immer im Moment gelebt hat und es ihr nie schwer gefallen ist, mit alten Dingen abzuschließen, gehörte die Erinnerung an ihre alte Heimat immer zu ihrem Leben. Dazu gehörten positive, aber leider sehr viel mehr negative Erinnerungen. Für mich gehören zu dieser Karte auch sehr viele Erinnerungen, weswegen sie in Zukunft in meinem Büro hängen wird.

Klar, vor allem erinnert mich die Karte, so alt, vergilbt und fleckig sie auch ist, immer an meine Großtante, schließlich gehörte die Karte im Esszimmer immer zu den ersten Dingen in der Wohnung, die ich gesehen hatte. Und es war auch irgendwie schön, bei den Besuchen dort zu sehen, dass sich manche Dinge eben nicht ändern (jetzt klinge ich wirklich wie ein alter Sack, oder?).

Aber die Karte erinnert mich auch an die Gespräche mit ihr und einige mehr Gespräche mit meinen Großeltern – ihrer Schwester und ihrem Schwager – über die damalige Zeit, das Dritte Reich und ihre Flucht. Was sie damals erlebten war grausam, aber es waren Berichte, die mich sehr geprägt haben und die mir immer wieder vor Augen führen, wohin es führt, wenn Menschen anderen Menschen das Menschsein absprechen. Nie werde ich vergessen, wie meine Großmutter in Tränen ausgebrochen ist, als sie erzählte wie sie einen der berüchtigten Todestrecks gesehen hatte. Auch nicht ihre Schilderung der Zeit nach der Flucht, wie sie empfangen wurden (Hint: die deutschen Flüchtlinge waren ihren Landsleuten zumindest sehr häufig alles andere als willkommen).

Aber in erster Linie erinnert mich die Karte an meine Großtante, an eine Frau, die immer die strenge – aber faire – Lehrerin war, auch im Ruhestand, die direkt war und dabei manchmal auch verletzend sein konnte, aber nie jemanden hängen gelassen hat, die einen massiv dafür kritisieren konnte, wie man sein Leben gestaltet, aber einem gleichzeitig für dieses Leben von Herzen nur das Beste wünschte. Eine Frau, die zu niemandem härter war, als zu sich selbst.

Ich werde sie vermissen, die Telefonate mit ihr, die immer – wirklich immer – mit der Frage nach dem Wetter begannen, das Kartenspielen bei den Besuchen bei ihr. Und jedes Mal, wenn ich im Büro die Karte sehe, dann werde ich an sie denken und wahrscheinlich oft auch daran, wie fasziniert sie davon war, dass ich Essen bestellt hatte, indem ich auf meinem Telefon rumgetippt hatte ohne jemanden anzurufen 🙂