Auch 84-jährige können in den Knast kommen

Wahrscheinlich wird mir jetzt nachgesagt, ich wäre herzlos und böse und gemein. Mindestens. Aber ich habe keinerlei Mitleid mit der gerade an verschiedenen Stellen erwähnten 84-jährigen Ladendiebin, die für 3 Monate in den Knast muss.

Ob AfD oder DGB Bayern, bei Facebook wird gerade der Fall einer 84-jährigen herum gereicht, die ja nur vor Hunger geklaut habe und auch nur im Wert von 70 Euro und 11 Cent und dafür dann direkt für 3 Monate ins Gefängnis müsste. Gerne wird dabei verschwiegen, dass die gute Frau ja schon entsprechend vorbestraft war und die Haftstrafe erst kam, als sie während ihrer Bewährungszeit wieder beim Klauen erwischt wurde. Und da ging es ihr eben wie anderen auch: Da das Gericht davon ausging, dass von ihr weitere Ladendiebstähle zu erwarten wären, kam sie diesmal nicht mehr mit Ermahnung, Geld- oder Bewährungsstrafe davon, jetzt hieß es eben Haft. Da half auch kein Gnadengesuch.

Und wenn man mal ein wenig weiter sucht zu dem Fall, dann stößt man vielleicht auf die Videos vom BR, in dem mit der Frau vor ihrem Haftantritt gesprochen wurde. Da sagt sie dann so Dinge wie:

Wissen sie, wir haben einen Reformwarengroßhandel gehabt und da gab es alles vom Feinsten. Und ich bin auch in meinem ganzen Leben immer nur gut ernährt worden – außer im Krieg. Aber… so was kann ich nicht essen. Ich kann keine angefaulten, angeschimmelten Sachen essen. Das kommt überhaupt nicht in Betracht.

Sie spricht hier von den Nahrungsmitteln, die es bei den Tafeln gibt. Nun war ich selbst glücklicherweise noch nie auf Lebensmittel von den Tafeln angewiesen (und als ich es gewesen wäre, da gab es die noch nicht), ich kenne aber durchaus Menschen, die diese Angebote nutzen müssen. Aber von angefaulten und angeschimmelten Lebensmitteln dort habe ich bislang nicht gehört. Klar, da sind Sachen bei, deren MHD möglicherweise kurz abgelaufen ist – aber es heißt ja Mindesthaltbarkeitsdatum, nicht Maximalhaltbarkeitsdatum.

Man kann und muss sicherlich darüber diskutieren, warum es in einem reichen Land wie dem unseren tatsächlich Einrichtungen wie die Tafeln braucht oder warum es in diesem Land Menschen gibt, die ein Leben lang arbeiten und am Ende eine Rente erhalten, mit der sie nicht mehr leben können. Und im speziellen Fall muss man wohl auch fragen, warum sie nicht während der Bewährungsstrafe entsprechende Hilfe – eben von einem Bewährungshelfer – bekommen hat, um ihre Finanzen zu regeln oder ihr möglicherweise zustehende Hilfen zu beantragen. Alles Dinge, über die man diskutieren kann.

Aber man kann sich doch bitte nicht hinstellen und alleine die Umstände dafür verantwortlich machen, dass sie geklaut hat, es gar so hinstellen, als wäre sie quasi zum Ladendiebstahl gezwungen gewesen. Die Entscheidung zu klauen war ihre. Die Entscheidung das Angebot der Tafeln nicht zu nutzen war ihre. Es war ihre Entscheidung weiterhin keine Hilfe zu suchen, nachdem sie zum ersten, zweiten, dritten oder vierten Mal beim Ladendiebstahl erwischt wurde. Drei Monate Gefängnis für eine 84-jährige Frau klingen sicherlich hart und es wird garantiert kein Erholungsurlaub für „Oma Ingrid“, aber da muss sie nun einmal durch. Es gibt viele Menschen, die kaum Geld haben, die jeden Monat auf’s neue kämpfen müssen, um über die Runden zu kommen, die aber trotzdem nicht klauen.

Keine Frage, in unserem Land läuft einiges schief, wenn es um soziale Themen geht und darüber muss man reden und da muss man dran arbeiten – aber „Oma Ingrid“ wird dadurch nicht zum armen Opfer der Umstände und die Gefängnisstrafe erscheint mir angesichts der Vorstrafen auch nicht überzogen.

Beitragsfoto von Engin_Akyurt via Pixabay