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Der Unterschied zwischen „gut gemeint“ und „gut gemacht“

29.11.2013: Diese Rufnummer-Listen machen derzeit wieder ganz gewaltig die Runde bei Facebook, daher ziehe ich diesen Beitrag von Januar 2012 noch mal nach oben!

Da wird derzeit eine Meldung wie wild durch Facebook geteilt, die auf den ersten Blick erst mal gut klingt: Es gäbe da eine „Kältebusnummer“ in Hamburg, die könne man anrufen, wenn man in Hamburg einen Obdachlosen sieht, der auf der Strasse sitzt und dann würde der „Kältebus“ kommen und diesen Obdachlosen aufsammeln. Oder wie es zum Beispiel hier heisst:

ES IST TÖDLICH KALT!!! wer abends / nachts Obdachlose auf der Straße in Hamburg schlafen sieht, kann den MITTERNACHTSBUS anrufen: Telefon XXXXXXXXX. Dann kommt der Kältebus vorbei, um sie vor dem Kältetod zu bewahren!!!! bitte weiter verbreiten… (denke der Beitrag gehört hier hoch)

Warum ich die Nummer ausge-X-t habe? Nun, so toll das mit dieser „Kältebusnummer“ klingt, es ist einfach nicht wahr. Es gibt zwar einen „Kältebus“ in Hamburg, der heisst aber „Mitternachtsbus“ und der kommt nicht auf Bestellung, sondern fährt eine feste Route ab. Die geteilte Nummer ist die des Büros der Mitarbeiterin der Diakonie, die das Projekt koordiniert. Das bedeutet: Man kann da nachts super anrufen, es geht nur niemand ran. Und selbst wenn jemand ran ginge: Es gibt diesen Abholservice einfach nicht.

Natürlich wäre es schön, wenn es so einen Abholservice gäbe, aber mit dem Teilen dieser Telefonnummer tut man leider niemandem einen Gefallen, im Gegenteil: Man gefährdet Menschenleben damit! Warum? Stellen wir uns vor, zwei Freunde, des nächtens in Hamburg unterwegs, sehen in der Irgendwostrasse vor dem Nimmmichaus-Markt einen Obdachlosen liegen, der ganz offensichtlich friert. Meint einer der beiden: „Hey, ich habe da eine Nummer bei Facebook gesehen, so ein Kältebus, den rufen wir jetzt an, der holt den ab und bringt in an ein schön warmes Plätzchen.“ Gesagt getan, aber: „Oh, nur der Anrufbeantworter? Na egal, die werden gerade jemand anderen abholen, ich spreche denen die Adresse auf’s Band…“. Super, zwei Menschen haben ein ruhiges Gewissen, fühlen sich gut, weil sie vermeintlich etwas Gutes getan haben – und der (glücklicherweise derzeit noch fiktive) Obdachlose erfriert, weil die beiden eben nicht die 112 angerufen haben, sondern einen „Kältebus“ informiert haben, den es gar nicht gibt.

Und was mich gerade so richtig aufregt: Mathias hatte in den Kommentaren auf solche Dinge hingewiesen, er hat sogar die Diakonie angeschrieben und die Projektleiterin hat ihm geantwortet:

Lieber Matthias,

danke für deine Meldung. Ich werde hier tatsächlich bereits mit Anrufen und Mails überhäuft und habe bereits eine Korrektur auf der Facebook-Seite dazu gepostet (I love Hamburg-by Moritz Körner). Da kam die Meldung wohl her. Das war nicht mit uns abgesprochen und ist von uns auch nicht leistbar.

Wir fahren jede Nacht mit dem Mitternachtsbus unsere Tour zu obdachlosen Menschen in der Hamburger Innenstadt. Wer uns dabei auffällt, um den kümmern wir uns. Mit Ansprache, Kaffee, Schlafsack und wenn nötig, rufen wir den Notarzt. Weitere Stadtteile/Orte können wir nicht in unsere Route aufnehmen, da wir mit gut 20 Haltepunkten pro Nacht zwischen 20-24 Uhr mehr als voll ausgelastet sind. Wir haben keine Hotline dafür, wir fahren unsere Strecke ab, wo erfahrungsgemäß die meisten Obdachlosen liegen. Die auf Facebook gepostete Nummer ist meine Büronummer, wo ich tagsüber erreichbar bin.

Die Hamburger Sozialbehörde hat aber seit Neuestem eine Hotline geschaltet, wo man Auffälligkeiten auf der Straße melden kann. Die Nummer ist: 428 28 5000. Bisher ist die Hotline aber nur Mo-Fr 8-16 Uhr besetzt.

Bei weiteren Fragen gerne wieder melden.

Schönen Gruß,

Ziemlich klar Ansage, oder? Jetzt könnte man meinen, dass sich die Sache erledigt hätte, der eine oder andere vielleicht auch mal Mathias gegenüber – der gerne mal so in Foren diskutiert, dass er einem damit tierisch auf den Sack gehen kann, das will ich gar nicht abstreiten, habe da ja eigene Erfahrungen ;) – eine Entschuldigung anbringt? NEIN, wo kämen wir denn da hin! So ganz sicher nicht! Man postet nicht nur eine Meldung, die leider falsch ist, man attackiert auch noch weiter denjenigen, der einen auf den Fehler aufmerksam gemacht hat! Frei nach dem Motto: „Wenn ich etwas gut meine, dann ist das verdammt noch mal gut, egal wie die Realität aussieht und wer mir erklärt, wie die Realität aussieht ist ein Arsch! Und wenn ich mit dieser Falschmeldung Leben gefährde, dann ist das noch lange kein Grund mich auf den Fehler aufmerksam zu machen! Schließlich habe ich es gut gemeint!

Also merken wir uns: Egal wie falsch eine Meldung ist, schon alleine weil sie „gut gemeint“ ist, muss man sie kritiklos und vor allem ohne sie zu Hinterfragen teilen… NICHT! Bei allen Meldungen sollte man auch mal für 5 Cent nachdenken, ob das so Sinn ergibt und vielleicht mal Google benutzen bevor man sie teilt und wenn man dann doch mal reingefallen ist und irgendwas weiter verteilt hat, was nicht hätte weiter verteilt werden sollen: Kackt dafür nicht die Leute an, die Euch darauf aufmerksam machen!

Update: Ja, es gibt in einzelnen Städten, wie Berlin oder Köln tatsächlich Kältebusse, die man anrufen kann. Aber das sind Ausnahmen. Und es bringt eben nichts wegen einer oder zwei korrekten Nummern eine Liste mit 10 und mehr falschen Nummern zu teilen. Dabei ist es ganz einfach, es gibt eine bundesweit einheitliche Nummer, die man anrufen kann, wenn man Personen sieht, die in Gefahr sind – nicht nur, wenn sie zu erfrieren drohen: 112. So einfach ist das, die Nummer kann sich doch nun wirklich jeder merken, oder?

Autor: dobschat

Apple-Produkte nutzender Musik-, Technik- und Shirt-Blogger und Pirat, der hier vor allem Privatkram ablädt (aber nicht nur). Arbeitet vor allem mit und für Bands und für Politiker.